"Die Grissinifrauen."

Das sind, in loser Reihenfolge, Ausschnitte aus meinem unveröffentlichten Roman “Pfützen”. Alles in der biografisch inspirierten Erzählung ist wirklich passiert, nur nicht alles mir. Here are some short excerpts from my soon-to-be-published book “Puddles”.
(…)

 

Irgendwas ist in meinem Mund.

Es ist mein Schneidezahn. Mein abgebrochener Schneidezahn. Verdammt.
Mein Spiegelbild lächelt mir in schönster Hartz4-Manier entgegen. Ich geh ganz nah ran, kratze mit dem Fingernagel an der Bruchstelle rum. Scheiße. Mit der Zunge fahre ich über die Kante und schneide mich fast. Man sieht das Scheiße aus.

Wenn es wenigstens eine gute Geschichte gäbe.

„Wie haben Sie sich den Zahn abgebrochen?“
„Oh, ich war in Restaurant, als ein Terrorist reinkam, ich roundhousekickte ihn um, er schlug zurück, Zahn raus, aber am Ende habe ich trotzdem gewonnen. Hunderte Menschenleben gerettet. Ich bin so Dankbar für die BILD der Frau Auszeichnung des Jahres.“

Oder so:
„Oh, Beyoncé lief im Club und beim Standing Split habe ich mir mit dem Knie den Zahn rausgebrochen.“
„Beim Rennen auf die Fresse gefallen.“
„Beim Sex auf die Handschellen gebissen. Because, I’m a crazy bitch”
„Zu hart geknirscht.“

Nichts von alledem. Ich bin der einzige Mensch, der sich an einem Grissini den Zahn abbricht. Überhaupt das ganze Grissini-Ding. Wer isst Grissini überhaupt? Grissini, sind für Menschen gemacht, die von Dolce Vita träumen und dann bei Vapiano Grauburgunder trinken. Grissini essen ist der Inbegriff von aufgeben. Die gebackene Kapitulationserklärung an ein aufregendes Leben. Die brotgewordene Durchschnittlichkeit. Nichts, absolut nichts an einem Crossini ist aufregend. Man hätte es salzen können aber nein. Das Grissini traut sich nicht mal das. Grissini ist in Dorfdiscos den enthusiastischen Disco-Fox Tänzer knutschen. Ohne Zunge. Oder mit zu viel Zunge. Grissini ist Einkaufstüten von Zara und Victoria’s Secret auf dem Schrank sammeln, neben den „Absolut“ Vodkaflaschen (Vanille und Zitrone). Grissini ist lauwarmer Bailys und Fruchtsecco. Grissinis bekommen Kinder die Tim heißen. Heiraten in schulterfreien Kleidern, die „schlicht aber mit Spitze sind“, Grissinis sagen Dinge wie: „Das müssen wir unbedingt wiederholen“ und „Ich bringe einen Griechischen Salat mit“. Grissinins denken Salat mit Kuhmilch „Schafskäse“ ist Griechisch.

Grissinis stehen auf jeder Party und sind trotzdem nie wirklich dabei. Meistens schwimmen sie irgendwann zerbröselt in einer halb ausgetrunkenen Cola. Mit einem Schuss „Jacky“.

 Es klopft an der Badezimmertür.
„Alles ok?“
„Alles Grissini.“

Ich kratze wieder an meinem Zahn. Grissinis. Niemand liebt sie, niemand hasst sie, niemand wir sich jemals an einen besonderen Abend mit Grissinis erinnern. Und ich habe es so satt ein Grissini zu sein.

Grissinis sind meistens Frauen denen zu oft gesagt wurde: reiß dich zusammen, sei leiser, zieh dir was anderes an, benimm dich anständig. Frauen die gehört haben: sei nicht aufdringlich, forder nicht zu viel, sei dankbar, beschwer dich nicht.

Grissini Frauen rasten nicht in der Altstadt aus, schmeißen keine Flaschen nach ihren untreuen Arschloch Freunden, laden keine Rachepornos hoch. Wer ein Grissini ist, ist keine „Crazy Bitch“.

Aber was ist jemals Tolles in der Welt entstanden, wenn sich die Menschen anständig benommen haben? Nichts. Fuck appropriate.

Es braucht mehr Crazy Bitches. Crazy Bitches landen auf Titelseiten und Tittenseiten. Es braucht mehr Frauen, die nach einem Streit alle seine Schallplatten zerkratzen und dann mit seinen Kreditkarten und jedem linken Schuh abhauen. Mit stolzgeschwellter Brust und hocherhobenem Kinn laufen sie in die Nacht, blicken noch einmal über ihre Schulter und lächeln.

Ich kratze wieder an der Bruchstelle rum und schaffe es sogar noch ein bisschen mehr Zahn abzubrechen.
Ich lächle mir zu. Ich sehe aus wie die schärfste Hartz4-Empfängerin, die jemals auf ein Grissini biss – und wie jemand, der sich garantiert nicht anständig benimmt. Das ist gut. Das ist sehr, sehr gut.

 

Fuck appropriate.

Fuck appropriate.